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Interview von Angelika Jung, blaupause-Redaktion – 22. Mai 2007 • Dieser Artikel ist im Original in blaupause 02-2007, dem Mitgliedermagazin der DSAG erschienen.
Das SAP Accessibility Team ist die erste Adresse, wenn es um Fragen zur Barrierefreiheit aus der hauseigenen Entwicklungsabteilung, aber auch von Kundenseite geht. Übersetzen die Mitarbeiter doch Gesetzestexte in die Sprache der Entwickler und geben Antworten auf den Status der Barrierefreiheit von SAP-Produkten.
Für SAP ist Barrierefreiheit ein Thema mit hoher Priorität. Neben sozialen Faktoren lassen auch rechtliche Anforderungen weltweit das Walldorfer Unternehmen aktiv werden. Um Barrierefreiheit als festen Bestandteil des Entwicklungszyklus zu etablieren, wurde vor fünf Jahren das SAP Accessibility Team in Walldorf gegründet. Der mittlerweile aus zehn Mitarbeitern bestehende Fachbereich ist die Anlaufstelle bei internen und externen Fragen zur Bar rierefreiheit. Dr. Tanja Schätz, Leiterin des Teams bei der SAP AG: "Damit wir nach außen eine Antwort geben können, ob unsere Software barrierefrei ist, müssen wir auch Beratung nach innen leisten. Wir übersetzen Gesetzestexte in die Sprache der Entwickler, wir schreiben Leitfäden für konkrete Programmiersprachen oder formulieren Handlungsanweisungen."
Interviewpartner
Dr. Tanja Schätz, Gisbert Loff – Mail-Adresse: accessibility@sap.com Für Dr. Tanja Schätz ist vor vier Jahren mit dem Eintritt ins Accessibility Team ein Traum in Erfüllung gegangen. Konnte sie doch den sozialen Faktor bei ihrer Arbeit mit ihrem technologisch orientierten Hintergrund vereinen. Heute leitet die promovierte Biophysikerin das Accessibility Team in Walldorf. Bei Gisbert Loff war die Motivation eher technischer Natur. Seit 1991 ist er bei SAP mit dem Thema User-Interface in den verschiedenen Bereichen Entwicklung, Produktmanagement und -planung befasst. Heute ist er Vice President SAP User Experience bei der SAP AG. |
Da SAP ein globales Produkt herstellt, müssen die verschiedenen Gesetzeslagen in der Schweiz, in Österreich, Deutschland, USA, Großbritannien etc. unter einen Hut gebracht werden. "Es gibt eine Vielzahl von Standards, die wir vereinigen müssen, sodass allen Teilaspekten genügend Rechnung getragen wird", verdeutlicht Gisbert Loff, Vice President SAP User Experience bei der SAP AG, die Herausforderung. Zum Teil erfordern widersprüchliche Richtlinien eine markt- oder technologiegetriebene Entscheidung, die nicht immer 100-prozentig den jeweiligen gesetzlichen Anforderungen in den einzelnen Ländern gerecht werden kann. Tanja Schätz erklärt: "Wir haben einen Standard bei SAP definiert, der auf der Section 508 basiert bzw. auf den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG), die wiederum die Grundlage für viele europäische Gesetze darstellen. In diesem Standard haben wir sämtliche Anforderungen zusammengefasst, die für SAP relevant sind."
Die externen Verpflichtungen aufgrund der Gesetzeslage lassen das Team ganz genau auf die Produkte der SAP schauen. Die Software- und Servicestrukturen werden in den verschiedenen Phasen des Produktlebenszyklus entweder in Walldorf, hauptsächlich aber in einem Labor in Indien, getestet. Auf diese Weise lassen sich die Eigenschaften und der Status hinsichtlich der Barrierefreiheit ermitteln. Zurzeit sind noch nicht alle SAP-Produkte in ihrer Gesamtheit barrierefrei. Je neuer aber die Anwendungen und Technologien sind, umso einfacher ist es für die Entwickler, Accessibility-Anforderungen umzusetzen. Dass der Anteil barrierefreier Produkte immer größer wird, daran arbeitet SAP mit Nachdruck. Gisbert Loff: "Es ist unser Bestreben, möglichst viel an Barrierefreiheit in den unteren Softwareschichten (Technologien/Framework) unterzubringen. Wenn ein Anwendungsentwickler eine bestimmte Technologie nutzt, muss er sich um die Umsetzung gewisser Anforderungen nicht mehr selbst kümmern, z.B. Tastaturbedienung bzw. die Einstellbarkeit von Farben. Das können wir mit den neueren Technologien besser realisieren als mit den älteren. Waren wir doch bei der Entwicklung dabei." Bei den Tests dieser Basistechnologien bringt sich das Team heute viel stärker ein und stellt sicher, dass die eingesetzte Technologie die Entwicklung barrierefreier Anwendungen ermöglicht. Zur Erklärung: SAP verwendet verschiedene Technologien wie Dynpro und Webdynpro, die über SAP NetWeaver zusammengeführt werden. Darauf wird eine Vielzahl von Anwendungen gebaut.
Den genauen Barrierefreiheitsstatus eines Produkts fassen sogenannte Voluntary Product Accessibility Templates (VPATs) zusammen. Darin wird dokumentiert, ob Produkte oder einzelne Teile davon barrierefrei oder eingeschränkt barrierefrei sind. Sie werden auf Anfrage zur Verfügung gestellt (siehe Mailadresse). Ein Beispiel ist die Administratorrolle als Bestandteil von SAP NetWeaver. Sobald ein ERP-Produkt auf diesem SAP-NetWeaver-Release basiert, erhält z.B. ein sehgeschädigter Datenbank-Administrator für dieses ERP-System eine bessere Unterstützung.
In die Zukunft gerichtet ist die Accessibility-Roadmap. Darunter versteht man die Absichtserklärung der SAP, bestimmte Produkteigenschaften bis zu einem bestimmten Termin im Rahmen der Produktplanung sicherzustellen. Der Zeithorizont umfasst zumeist zwei bis drei Jahre. Informationen dazu liefert das Accessibility Team. Die Roadmap ist jedoch Änderungen unterworfen, sollte sich an den Produktlebenszyklen oder den Gesetzen etwas ändern.
Was die Gesetzeslage betrifft, stehen viele Länder vor Änderungen. Das SAP Accessibility Team ist, ebenso wie Experten anderer großer Hersteller, in die Novellierungsbestrebungen der BITV (Deutschland), der Section 508 (USA) und der WCAG (WAI-Initiative des W3C) eingebunden. Das Interesse gilt einer Harmonisierung der Gesetze. "In Europa sehen wir uns einer starken Fragmentierung gegenüber. Jedes Land hat sein eigenes Gesetz. Es ist eine relativ zerfaserte Welt, und wir müssen uns bei der Umsetzung der Anforderungen in unseren Produkten derzeit noch auf das konzentrieren, was in der Schnittmenge der Anforderungen der einzelnen Länder liegt", so Dr. Tanja Schätz. "Eine Angleichung der Gesetze wäre eine große Vereinfachung. Wir erwarten, dass die Kriterien schärfer werden, hoffentlich aber auch präziser", erklärt Gisbert Loff. Deshalb rät er Software-Entwicklern, sich rechtzeitig mit Barrierefreiheit zu befassen, sind dann doch die zu erwartenden Mehrkosten vergleichsweise gering. Denn: Wer Barrierefreiheit in Form von Tastaturbedienbarkeit oder Farbeinstellungen von vornherein sicherstellt und in der Architektur verankert, muss nicht bei einer Verschärfung der Gesetzeslage Anwendung für Anwendung einzeln testen und anpassen. Gisbert Loffs Fazit: "Heute sehen wir auch bei unserer eigenen Entwicklung, dass die, die früh angefangen haben, kostenmäßig am besten weggekommen sind. Ein barrierefreier Arbeitsplatz ist natürlich immer mit höheren Aufwendungen verbunden. Die Hilfsmittel, Tastaturen, Screenreader müssen angeschafft werden. Dann soll nicht auch noch die Software teurer sein."
Leitfaden für die Entwicklung barrierefreier Produkte mit SAP NetWeaver
Josef Köble (2007). Developing Accessible Applications with SAP NetWeaver.
Galileo Press. ISBN: 1592291120, ISBN: 9781592292424 (e-book)
German Version: Josef Köble (2007). Entwicklung
barrierefreier Software mit SAP NetWeaver. Galileo Press. ISBN: 3898428621
DSAG, blaupause
blaupause ist das Mitglieder Magazin der DSAG, der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) e.V