Von Hermann Pertrick , Ruhrgas AG, Essen (ursprünglich in "gas ette", dem Ruhrgas AG Mitarbeitemagazin veröffentlicht) – 18. Februar 2002
Dienstreisen gehören für viele Ruhrgas-Mitarbeiter zum Tagesgeschäft. Klar, daß die Abrechnung auf Heller und Pfenning stimmen muß. Das Team der Reiseprüfstelle sorgt dafür, dass jeder so schnell wie möglich seine Aufwendungen ersetzt bekommt. Einer von ihnen ist Hermann Petrick. Er prüft die Reisekostenabrechnungen am PC. Dafür nutzt er aber - anders als seine Kollegen - nicht den Bildschirm. Petrick liest die Daten mit seinen Fingern. Er ist nämlich blind.
Zweifellos eine ungewöhnliche Aufgabe für Jemanden mit dieser Art der Behinderung. "Als ich vor fünf Jahren wegen einer Augenerkrankung meine Sehkraft verlor, habe ich nicht im Traum daran gedacht, einmal so eine Arbeit zu schaffen", erinnert sich Petrick. Vor seiner Erkrankung arbeitete der Rechnungsprüfer schon seit 1972 als kaufmännischer Mitarbeiter bei der zur Ruhrgas gehörenden PLE (Pipeline Engineering). Zahlen waren also schon immer sein Metier.
"Die Diagnose der Ärzte, nie mehr sehen zu können, war natürlich sehr hart für mich", sagt Petrick. "Aber ich mußte mich damit abfinden und wußte von Anfang an, daß ich den Kopf nicht in den Sand stecken durfte". Ein wenig Hoffnung schwingt in seiner Stimme mit, wenn er das sagt. Die Forschung geht auch in der Augenheilkunde immer weiter. Damit er trotz Blindheit im Alltag zurecht kommen kann, besuchte er ein Jahr lang die Blindenschule in Düren. Da hat er z.B. gelernt, sich sicher mit dem Stock fortzubewegen. Außerdem hat man ihm die Blindenschrift beigebracht. Und davon gibt es immerhin zwei verschiedene Arten: Voll- und Kurzschrift. Petrick beherrscht beide. Wozu andere ein Jahr brauchen, das hat er in neun Monaten gelernt. Geholfen hat ihm dabei neben seinem Ehrgeiz auch sein gutes Gedächtnis. Seinen Mitschülern konnte er sogar Nachhilfeunterricht geben.
Nach seiner Rehabilitation wandte sich Petrick an Gerrit Pilat, Vertrauensmann der Schwerbehinderten bei Ruhrgas. Gemeinsam mit dem Betriebsrat und der Personalabteilung fanden sie für ihn in der Essener Hauptverwaltung eine neue berufliche Perspektive. Seit Mai 2000 prüft er jetzt die Reisekostenabrechnungen der Mitarbeiter, zu denen keine zusätzlichen Belege gehören. Damit er sofort mit seiner Arbeit beginnen konnte, haben sich im Vorfeld verschiedene Fachabteilungen des Hauses, aber auch die neuen Kollegen, Gedanken über die Ausstattung des Arbeitsplatzes gemacht. "Wir mußten erst einmal prüfen, was technisch überhaupt möglich ist", erinnert sich Georg von Schwanewede aus dem Bereich Organisation. "Hier haben wir Hand in Hand mit Christine Bensberg, der Betreuering des Reisemanagements aus der IT-Abteilung zusammengearbeitet. Alle zogen an einem Strang. Auch die Kollegen waren sich sofort einig, dass sie den neuen Mitarbeiter voll und ganz unterstützen wollten.
"Als ich hier anfing, war mein Arbeitsplatz komplett blindengerecht ausgestattet", freut sich Petrick über das Engagement des Unternehmens. Die Braille-Zeile an seinem PC übersetzt die eingegebenen Daten in Blindenschrift. Dafür sorgt "Blindows", eine spezielle Software für alle Computerprogramme. "Alle Menüpunkte werden zeilenweise auf die Braille-Zeile übertragen", erklärt Petrick. Wenn er will, kann er den PC auch sprechen lassen. Diesen Service nutzt der Rechnungsprüfer aber selten. Neben dem Computer steht eine Schreibmaschine mit Blindenschrift auf seinem Tisch. Die nutzt er als Notizblock.
"Anfangs haben wir alle nicht geglaubt, daß ein Blinder diesen Job überhaupt machen kann. Heute prüft er die Reisen komplett und ohne irgendwelche Hilfe", freut sich Simone Berger, die die Reiseprüfstelle bei Ruhrgas leitet. "Fragen kommen höchstens mal, wenn er einen Ort nicht kennt." Er hätte es nicht besser antreffen können, ist Petrick überzeugt. "Meine Kollegen haben mir meine Arbeit aber auch von Anfang an leicht gemacht und mich voll und ganz ins Team integriert. Ich bin hier aufgenommen worden, als ob ich schon immer dazugehöre. Das war für mich schon "bombastisch". Das sehen auch Außenstehende so: Für Susanne Satzger vom Berufsbegleitenden Dienst für Blinde und Sehbehinderte des Landschaftsverbandes Rheinland ist diese Integration eines sehbehinderten Mitarbeiters vorbildlich.
Und wie sieht das Programm in seiner Freizeit aus?
Irgendwann habe ich auch Feierabend und auch hier geht es interessant weiter; mit anderen Worten "Langeweile" ist für mich ein Fremdwort. Ich "schmeiße" meinen Haushalt fast allein, wohne in einer 3 ½ Raum-Wohnung von 75 qm und bin unter anderem "leidenschaftlicher Bügler". Sport war schon immer mein beliebtestes Hobby, was ich auch nach meiner Erblindung weiter betreibe. Früher aktiver Fußballspieler, jetzt Teamchef einer Betriebsfußball-Mannschaft. Aktiv betätige ich mich als Tandemfahrer in 2 Radsportgemeinschaften, einmal ist es die Behinderten-Sportgruppe der Stadt Essen und eben auch in der Ruhrgas-Sportgemeinschaft. Damit ich auch hier aktiv in der Radgruppe mitmachen kann, hat die Fa. eigens für mich ein Tandem angeschafft, was ich was ich super klasse finde und ich absolut nicht für möglich gehalten hätte, weil das bestimmt nicht jede Firma. mal so eben macht.
Einen ganz wichtigen Raum nimmt mein zwölfjähriger Sohn ein. Ich bin geschieden und der Sohn lebt bei der Mutter, kommt aber meistens jedes Wochenende zu mir. Da gibt es nichts anderes und ich freue mich immer riesig auf unsere gemeinsamen Wochenden und auch unsere Urlaubsfahrten. So bleibe ich jung und roste nicht ein. Darüber hinaus schreibe ich Gedichte, und manchmal wünsche ich mir, der Tag hätte mehr als 24 Stunden. Dies ist mir allerdings lieber, als wenn ich vor Langeweile nicht mehr ein noch aus wüßte. Deshalb kann ich nur jedem raten, sich nicht auf andere zu verlassen, sondern sich selber immer Ziele setzen, denn dann ist man beschäftigt. Und was das Wichtigste ist: Nie die Hoffnung, den Lebensmut und die Lebensfreude aufgeben.
In diesem Sinne, packen wir's an!
Quelle: gasette - Ruhrgas AG